Mit Zahlenspielereien und Tricks will die CDU eine Gesamtschule in Winsen verhindern
„Der Elternwille muss endlich ernst genommen und zügig umgesetzt werden" - mit dieser klaren Aussage reagieren jetzt Fraktion und Vorstand der Freien Winsener auf das Ergebnis der systematischen Elternbefragung zur Errichtung von Gesamtschulen im Landkreis Harburg. Befragt, auf welche Schule sie ihr Kind anmelden wollten, hatten sich genau 52 Prozent der Eltern für eine Integrierte Gesamtschule (IGS) ausgesprochen, der Rest verteilt sich auf Gymnasium und Realschule und verschwindend wenige Hauptschul-Aspiranten. Dennoch will die Winsener CDU mit allen Mitteln eine Gesamtschule in Winsen verhindern. „Ein echter Skandal", stellt Ratsfrau Iris Winklareth, Bildungssprecherin der Freien Winsener fest: „Ideologische Vorbehalte gegen Gesamtschulen müssen außen vor bleiben, wenn die Mehrheit der Eltern ein zusätzliches Angebot alternativ zum dreigliederigen Schulsystem einfordert."
Obwohl die Landesregierung die Latte so hoch wie möglich legte - so waren ausreichende Willenserklärungen für eine fünfzügige Gesamtschule eingefordert, während Hauptschulen auch einzügig Bestandschutz haben - kam bei der Befragung heraus, das gleich mehrere IGS im Landkreis Harburg notwendig sind, um die große Nachfrage abzudecken. Die Freien Winsener fordern daher, dass neben Buchholz und/oder Jesteburg auf jeden Fall auch Winsen Gesamtschul-Standort wird, um den Elternwillen ernst zu nehmen und umzusetzen. Sogar bei Errichtung von drei IGS (Buchholz, Winsen und Jesteburg) würden rund 700 Eltern ihr Kind an einer Gesamtschule in Winsen anmelden. Damit ist schon jetzt ein Überhang an Anmeldungswünschen absehbar, so dass ein Losverfahren die Folge wäre und nicht alle Kinder die von ihnen gewünschte Schulform besuchen können.
„Vor diesem Hintergrund ist es unmöglich, dass ausgerechnet in der Kreisstadt das Schulangebot nicht erweitert werden soll", stellt Iris Winklareth fest: „Im Landkreis Harburg gibt es 38 weiterführende Schulen. Die Behauptung, dass die Errichtung von zwei oder drei Gesamtschulen den Untergang des dreigliedrigen Schulsystems bedeutet, ist daher völlig abwegig!" Allerdings würde es mit Gesamtschulen mehr Wettbewerb unter den Schulen geben, was für die Qualität der pädagogischen Angebote nur gut sein könne, weiß die engagierte Förderschullehrerin. Im Übrigen würden nach der Befragung nur 0,7 Prozent der Eltern ihr Kind an einer Hauptschule anmelden. Ob mit oder ohne Gesamtschulen werde man sich ohnehin der Frage stellen müssen, welche zukunftsfähigen Modelle hier denkbar sind.
Absurde Zahlenspielereien
In ihrer ideologischen Abwehrschlacht gegen eine Schule für alle macht die CDU in Winsen auch vor absurden Zahlenspielereien nicht halt. So argumentiert Fraktionsvorsitzender André Bock damit, dass nur 251 von 1.415 befragten Eltern sich für eine IGS ausgesprochen hätten - und unterschlägt dabei, dass der mehrseitige, komplizierte Fragenbogen tatsächlich „nur" von 541, das heißt 38 Prozent der Eltern zurückgeschickt wurde. In Wirklichkeit ist diese Beteiligung ein sehr guter Wert und liegt zum Beispiel nur um wenige Punkte unter der Beteiligung bei der letzten Kommunalwahl 2006 (44,2 Prozent).
Folgt man der Bock'schen Logik, müsste die CDU sofort die Hälfte ihrer 14 Sitze im Stadtrat abgeben. Denn auf sie entfielen nur deshalb noch 37,9 Prozent der Stimmen, weil die Mehrheit der Nicht-Wähler bei der Berechnung außen vor geblieben war. Würden dagegen alle möglichen Voten gezählt, wie dies die CDU beim Thema Gesamtschule tut, hätte sie bei nur 12.480 von 75.785 möglichen Stimmen nur 16,2 Prozent der Stimmen gewonnen.
Tatsache ist: Bei 251 von 541 Eltern, die auf die Befragung reagierten, wählten 52 Prozent die IGS als zukünftige Schule für ihr Kind, nur Bruchteile davon wählten Gymnasium, Realschule oder gar Hauptschule. Dazu kommen viele Eltern aus den angrenzenden Nachbargemeinden, die ihr Kind ebenfalls auf eine Gesamtschule in Winsen schicken wollen.
CDU schadet Winsen im Standortwettbewerb
Die Freien Winsener betonen die Rolle eines umfassenden Bildungsangebotes als hervorragenden Standortfaktor. Nicht zuletzt sei ein vielfältiges schulisches Angebot entscheidend für die Wohnortwahl von Familien und die Ansiedlung von neuen Unternehmen. Freie-Winsener-Fraktionsvorsitzender Oliver Berten: „Wer als Familienstadt attraktiv sein will,
muss nicht nur Baugebiete ausweisen, sondern auch für entsprechende Bildungsangebote sorgen. Und wer die Errichtung einer Gesamtschule als von vielen Eltern nachgefragtes Bildungsangebot blockiert, verschafft so Konkurrenzgemeinden einen großen Vorteil ge-genüber der eigenen Stadt."
Elbmarsch-Eltern für dumm verkauft
Als Kreistagsabgeordneter im Schulausschuss des Landkreises hält Oliver Berten den Umgang der CDU mit den Eltern nicht nur in Winsen, sondern auch in der Elbmarsch für geradezu skandalös: „Die Einrichtung einer Kooperativen Gesamtschule in Aussicht zu stellen, obwohl auch eine 100%ige Zustimmung nicht gereicht hätte, um die zahlenmäßigen Vorgaben zu erreichen, ist entweder ein schwerer Fehler der Kreisverwaltung oder ein mieser Trick, um die Zustimmung für den Standort Winsen in der Elbmarsch so klein wie möglich zu halten. Die Eltern dort müssen sich auf jeden Fall total für dumm verkauft vorkommen."
Zu beobachten ist, dass die Befragung auf ausdrücklichen Wunsch der Kreistagsmehrheit so gestaltet wurde, dass als Resultat verschiedene Gemeinden gegeneinander ausgespielt wurden. Hätte man den Eltern in der Elbmarsch nicht die Schein-Alternative KGS vorgegaukelt, wäre das Votum für Winsen als Gesamtschul-Standort tatsächlich noch klarer als jetzt schon ausgefallen - das war aber nicht erwünscht.
Ähnlich im Fall Jesteburg. Hier kämpfen die Eltern seit Jahren für den Erhalt eines weiterführenden Schulangebotes im Ort und bekamen zu diesem Zweck überraschend die Gesamtschul-Alternative offeriert. Trotz einer breiten Zustimmung hat Jesteburg aber knapp die außerordentlich hohe Schülerzahlen-Hürde der Kreisverwaltung gerissen - was leicht vorab abzusehen gewesen war. Jetzt richten sich die Aktivitäten der Jesteburger plötzlich gegen potentielle Gesamtschulen in Buchholz und Winsen, um als einziger Gesamtschul-Standort im Landkreis sein eigentlich anders gelagertes Schulproblem zu lösen.
Klar ist: Sollte sich der Kreis nur für einen Standort in Buchholz oder Jesteburg entscheiden, wird damit allen Eltern im östlichen Landkreis die Chance genommen, ihr Kind an einer Gesamtschule anzumelden. Kein Fünftklässler aus Winsen oder der Elbmarsch will täglich mehrere Stunden im Schulbus verbringen. Deswegen werden die Freien Winsener im Schulterschluss mit allen anderen politischen Gruppen in Winsen und im Landkreis, die den klar geäußerten Elternwillen respektieren und nicht mit Füßen treten, für drei Gesamtschulen im Landkreis Harburg kämpfen - in Buchholz, Jesteburg und Winsen.
Die Freien Winsener rufen alle betroffenen Eltern auf, an der Sondersitzung des städtischen Schulausschusses am kommenden Dienstag, 24. März 2009, um 16:00 Uhr in der Schule am Ilmer Barg in Roydorf teilzunehmen und keine Scheu zu haben, laut und deutlich ihre Meinung zur Errichtung einer Gesamtschule in Winsen zu Protokoll zu geben!